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Sprachwissen von A bis Z: gängige und unbekannte Wörterbücher, Teil 3

«Amerikanisch mischen» oder «kaputte Sprüche machen»: Stossen Sie auf Formulierungen wie diese, haben Sie es möglicherweise mit der Gaunersprache oder dem Slang der Drogenszene zu tun. In beiden Fällen handelt es sich um Varietäten der Soziolekte beziehungsweise Gruppensprachen. Und beide eint ein Merkmal: Sie unterliegen seitens ihrer Sprecher der Geheimhaltung. Welche Wörterbücher Ihnen dabei helfen, diese ganz eigenen Sprachen zu entschlüsseln, und wie sinnvoll die Nachschlagewerke sind, erfahren Sie in diesem Blogartikel.


Gauner und Drogensprache

Soziolekte: Gauner- und Drogensprache

Im zweiten Teil unserer Wörterbuchreihe beschäftigten wir uns mit drei verschieden ausgerichteten Nachschlagewerken, die allesamt – jeweils auf der inhaltlichen, lautlichen oder zwischenmenschlichen Ebene – unser Verständnis fördern. Auch in diesem Artikel soll es darum gehen, die Dimensionen von Sprache neu zu entdecken und zu verstehen. Wir knüpfen nahtlos an den letzten Beitrag zum Thema an und betrachten weitere Varietäten der Soziolekte. Damit begeben wir uns auf ein Terrain, das einem Grossteil der Menschen ziemlich fremd sein dürfte: Wir entschlüsseln (wirklich?) die faszinierenden Sondersprachen oder präziser: die Geheimcodes der Gauner und der Rauschgiftszene.

 

Wörterbücher für die Gaunersprache

Wenn Sie heute mit «Kies» bezahlen oder dem «Schnorrer» etwas «Moos» zukommen lassen, dann verwenden Sie – vermutlich unwissentlich – Begriffe der Gaunersprache. Als eine Form der Sondersprachen, nämlich als Geheimsprache, wird sie nur innerhalb eines sehr kleinen Personenkreises gesprochen und verstanden. Sie dient der Ausgrenzung der Öffentlichkeit und der Verschleierung vor der Obrigkeit. So sichert der vereinbarte, semantisch festgelegte Code die ungehinderte Berufsausübung über soziale, regionale und sprachliche Grenzen hinweg. Aus diesem Grund weicht die Gaunersprache insbesondere lexikalisch erheblich von der Standardsprache ab und ist tatsächlich eher ein Sonderwortschatz beziehungsweise Jargon statt eine eigenständige Sprache. Charakteristisch sind Umdeutungen gemeinsprachlicher deutscher Ausdrücke sowie Entlehnungen aus dem Jiddischen, dem Niederländischen und dem Französischen.

Sammelbegriff für die deutsche Gaunersprache ist das Rotwelsche. Das ausgeklügelte Kommunikationssystem entstand etwa im 13. Jahrhundert und wurde schichtenspezifisch von Ganoven, Landstreichern und Vertretern sogenannter unehrlicher Berufe bis ins 20. Jahrhundert gepflegt. Selbst heutzutage wirkt die Gaunersprache in einigen Ausdrücken und Redewendungen fort – auch wenn sie inzwischen deutlich weniger verbreitet ist und als solche nicht immer enttarnt wird.

In den Wörterbüchern zur Gaunersprache erhalten wir die «Übersetzung» des Lemmas sowie Informationen über die Bedeutung, die zeitliche Einordnung und Herkunft. Ein Beispiel aus Siegmund Wolfs «Wörterbuch des Rotwelschen»:

 

Achtgroschenjunge [37] m Zuträger der Polizei, Spitzel : 1956 berl. mdl., […] – Nach der angeblich früher acht Groschen betragenden Tagesentlohnung für bezahlte Polizeispitzel, wesentlich aber wohl in Anlehnung an -> Achbrosch gebildet. Der Ausdruck wird seit 1933 vor allem für Beamte der politischen Polizei benutzt.


 

Buchempfehlungen:

  • Wolf, Siegmund A.: Wörterbuch des Rotwelschen – Deutsche Gaunersprache. Helmut Buske Verlag, Hamburg 1978
  • Roth, Hansjörg: Jenisches Wörterbuch. Aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz. Huber, Frauenfeld 2001

 

Wörterbücher der Drogenszene

Aktueller, in einigen Merkmalen der Gaunersprache aber ähnlich, ist die Sprache der Rauschgiftszene. Im deutschen Sprachraum bildete sie sich etwa in den 1960er Jahren heraus und ergänzt seither im Drogenmilieu die Umgangssprache. Auch die Drogensprache hat eine Abschottungsfunktion. Dealer und Konsumenten nutzen sie gegenüber Aussenstehenden als Tarnung, um Gesprächsinhalte illegaler Natur zu verschleiern. Gleichzeitig dienen ihre geheimen Codes dazu, ein Zusammengehörigkeitsgefühl herzustellen.

Der Szene-Jargon beruht vorrangig ebenfalls auf Bedeutungsübertragungen und -verschiebungen des gemeinsprachlichen Wortschatzes. Entlehnungen stammen überwiegend aus der englischen Sprache. Darüber hinaus tendiert der Slang zu kreativen Wortneuschöpfungen und Metaphern. Sätze sind häufig auf ihre Kerninformation reduziert und kommen als Ellipsen ohne Personalpronomen oder andere Satzglieder aus.

Da der Wortschatz aus Gründen der beständigen Geheimhaltung überaus dynamisch ist, beschränken sich Wörterbücher und Glossare allein auf die Bedeutungserklärungen der einzelnen Lemmata. Zusätzliche Informationen zur sprachlichen Herkunft, zur Entstehung etc. gibt es meistens nicht. Holger Harfst gibt in seinem Wörterbuch «Die Internationale Drogenszene» allerdings die Übersetzung vom Deutschen ins Englische an, zum Beispiel:

jemanden ablinken (DE)

falsches oder minderwertiges Rauschgift anbieten / jemanden beim Dealen betrügen

offer bogus or poor quality narcotics / to cheat someone in a deal

 

Buchempfehlungen:

  • Harfst, Holger und Gerold: Die Internationale Drogenszene. Der Geheimcode. Über 7000 Begriffe. Das umfassende Wörterbuch Deutsch-Englisch. Harfst Verlag, Würzburg 1988
  • Weiss, Andreas: Das Lexikon der Drogensprache: Drogenslang, Synonyme und Abkürzungen in der Drogenszene. Books on Demand, Norderstedt 2011

 

Online-Wörterbücher:

  • Das Glossar von Wikipedia bietet eine recht grosse Sammlung drogensprachlicher Begriffe alphabetisch sortiert.
  • Etwas umfangreicher ist die Auflistung bei Code-Knacker. Hier werden zusätzlich die Bedeutungen einiger Zahlencodes und Abkürzungen genannt.


 

Fazit: Wie sinnvoll sind Wörterbücher dieser Art?

Sowohl die Gaunersprache als auch der Drogenszene-Jargon verwenden einen neu kreierten oder stark umgedeuteten Wortschatz. Spätestens mit Eingang der Ausdrücke und Phrasen in ein Wörterbuch ist von ihrer öffentlichen Kenntnisnahme und Verbreitung auszugehen. Doch der Sinn dieser Geheimcodes ist es, geheim zu bleiben und eben nicht entschlüsselt zu werden. Andernfalls ist abermals die Kreativität der Gauner und Rauschgiftkonsumenten gefragt. Aufgrund dieser dynamischen Sprachen sind entsprechende Wörterbücher mit ihrem Erscheinen vielleicht nicht veraltet, aber im Ganzen nicht mehr zutreffend.

Die geforderte Aktualität erschwert sicher die Arbeit der Lexikografen. Und tatsächlich hatten wir Schwierigkeiten, zumindest für die Gaunersprache (Online-)Wörterbücher zu finden. Dabei würden sich schnell aktualisierbare Online-Datenbanken hier geradezu anbieten. Andererseits ist die Gaunersprache kaum noch in Gebrauch. Wörter und Wendungen, die bis heute erhalten sind, können Interessenten, Etymologen und Linguisten zum Teil in Herkunftswörterbüchern nachschlagen.

Und es gibt einen weiteren Aspekt, der speziell für die noch immer gesprochene Drogensprache wichtig ist: Die Nutzer dieser Wörterbücher, darunter Eltern und Angehörige von Abhängigen, werden für die Szene sensibilisiert und erhalten einen grösseren Einblick zur Prävention.

 

«Ihr Wissen über Drogen ist ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den Missbrauch.»

Holger Harfst

 

Tipp: Zu unserer Reihe über die Wörterbücher liefert unser Newsletter vom Juni 2019 interessante Zusatzinformationen:

  • Schon gewusst: Rotwelsch ist der schmutzige Bruder von Kauderwelsch
  • Unsere monatliche Empfehlung: Gaunerzinken – die Zeichen zu (er)kennen, kann Schaden verhindern!

 

Autorin: Maria Schuhmacher


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