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Sprachwissen von A bis Z: gängige und unbekannte Wörterbücher, Teil 2

Ob in der Zeitung, im Fernsehen oder im Internet und manchmal sogar auf der Strasse: Nahezu täglich begegnen uns Begriffe, die erst einmal nur die Stirn runzeln lassen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Möglicherweise verstehen wir die Aussprache nicht. Eventuell ist uns der Inhalt des Gesagten nicht klar. Azzlack? Bin ich gemeint? Hypogamie? Oha! Gibt es denn nicht ein Mittel dagegen? Und ob! In diesem Artikel lesen Sie, womit Sie gegen Verständnisprobleme vorgehen können.


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Nachdem wir uns im ersten Teil unserer Reihe über die Wörterbücher mit Synonymen, Etymologie und rückläufigen Nachschlagewerken beschäftigt haben, gehen wir mit diesem Artikel in die zweite Runde. Im Fokus stehen Wörterbücher, die sich allesamt durch ein gemeinsames Merkmal auszeichnen: Sie fördern das Verständnis und erweitern unseren Gebrauch von Sprache – jedes auf seine Weise und insbesondere dann, wenn uns etwas Gelesenes oder Gehörtes fremd erscheint. Schauen wir uns die ausgesuchten Werke genauer an:

Fremdwörterbücher

Jeans, Fotograf, Computer – sehr häufig nehmen wir Fremdwörter im Text als solche gar nicht mehr wahr. Ihre Bedeutung ist allgemein bekannt und muss – wenn überhaupt – nur in Ausnahmefällen nachgeschlagen werden. Anders verhält es sich mit einigen (fach-)spezifischen Termini. Oder können Sie auf Anhieb sagen, was hinter Desktop-Publishing oder Plutonismus steckt? Nein? Das macht nichts. Für diese Fälle gibt es schliesslich Fremdwörterbücher. 

Nachschlagewerke wie diese sind als Ergänzung zu einsprachigen deutschen Wörterbüchern am praktischen Bedürfnis ihrer Benutzer orientiert. Sie enthalten den gegenwärtigen Fremdwortschatz (oder zumindest Teile davon) aus Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften, der Wirtschaft, der Informatik, der Politik und gar der Freizeit. Eingetragen sind Fremd- und Lehnwörter, die nicht aus der deutschen Sprache hervorgegangen, dennoch mehr oder weniger stark vor allem abseits der Alltagssprache verbreitet sind. In der Regel ist mindestens ein gebräuchliches Synonym beziehungsweise eine Kurzerklärung zum jeweiligen Lemma vermerkt. In einem guten Fremdwörterbuch erhalten Sie zusätzliche Informationen zum Beispiel über seine sprachliche und/oder thematische Heimat, Bedeutung, Grammatik und verschiedene Schreibweisen. 

Buchempfehlungen:

  • Institut für Deutsche Sprache: Deutsches Fremdwörterbuch. 2. Auflage. de Gruyter, Berlin/New York 2004
  • Dudenredaktion (Hrsg.): Duden – Das Fremdwörterbuch. 11. Auflage. Band 5. Bibliographisches Institut (Dudenverlag), Berlin 2015
  • Müller, Michael: Kleines Fremdwörterbuch. 3. Auflage. Reclam, Stuttgart 2017 

Online-Wörterbücher:

  • Sie suchen nach fremdsprachigen, kultiviert klingenden Ausdrücken, um in Texten mit Eloquenz zu brillieren? Bei Deutsch – Fremdwort funktioniert die Stichwortsuche in beide Richtungen, sodass Sie für deutsche Begriffe jeweils das passende Fremdwort und für Fremdwörter mindestens ein leicht verständliches Pendant finden.
  • Unter www.wissen.de haben Sie online Zugriff auf den gut sortierten, ausführlichen Bestand des Fremdwörterlexikons von Wahrig.
  • Langenscheidt bietet nicht nur Übersetzungen für zahlreiche Sprachen, sondern ebenfalls ein Fremdwörterbuch mit ca. 33‘000 Einträgen aus Medizin, Technik, Wirtschaft und mehr.

Aussprachewörterbücher

Für deutsche Muttersprachler ist die Orthografie deutscher Ausdrücke ziemlich eng mit ihrer Aussprache verknüpft. Deutschlerner hingegen tun sich damit häufig schwer. Und umgekehrt? Wie  steht es um unser Artikulationsvermögen bei Fremdwörtern, zum Beispiel aus dem Englischen oder dem Französischen? Begriffe wie Cousin, Catering, Regisseur oder Server zu lesen und in ihrer Bedeutung zu erfassen, ist das eine. Aber wie spricht man sie aus? 

Falls Sie einmal unsicher sind, empfiehlt sich ein Aussprachewörterbuch. Dort lesen wir: [kuˈzɛ̃ː], [ˈkɛɪ̯tərɪŋ], [reʒɪˈsøːɐ̯] und [ˈsœːɐ̯vɐ].

Ähm? Okay. 

Aussprachewörterbücher fungieren überwiegend als Lernhilfe für den Privatgebrauch, in Schulen, Sprach- und Sprechkursen. Sie vermitteln uns, wie Wörter einer Sprache in der Standardlautung (Dialekte und lokale Abweichungen sind zumeist nicht berücksichtigt) ausgesprochen und betont werden – über die sogenannte, oben abgebildete Laut- oder phonetische Schrift. In der Regel sind die Transkriptionszeichen der Lautschrift beziehungsweise ist die Laut-Buchstaben-Zuordnung in den Wörterbüchern anhand einer Legende erklärt. Wer trotzdem Schwierigkeiten beim Entziffern hat, ist besser beraten mit der akustischen Wiedergabe, die Online-Dienste anbieten können.

Buchempfehlungen:

  • Dudenredaktion (Hrsg.): Duden – Das Aussprachewörterbuch. 7. Auflage. Band 6. Bibliographisches Institut (Dudenverlag), Berlin 2015
  • Krech, Eva-Maria (u. a.): Deutsches Aussprachewörterbuch. de Gruyter, Berlin/New York 2009

Online-Aussprachewörterbanken:

  • Educalingo ist ein Eldorado für Sprachenlerner: Neben der Aussprache der gesuchten Begriffe finden Sie jede Menge interessanter Angaben von der Grammatik über die Bedeutung bis hin zu multilingualen Übersetzungen.
  • Ähnlich hilfreich, aber etwas weniger komfortabel und informativ ist PONS. Auch hier wird Ihnen die Aussprache akustisch dargeboten, Übersetzungen erhalten Sie erst nach der entsprechenden Sucheinstellung.
  • Erfreulich unkompliziert handhabt es der Übersetzer von Google: Sie geben das gewünschte Wort in die Suchmaske ein, wählen eine Sprache aus und lassen sich das Wort vorlesen.

Wörterbücher für Soziolekte

Etwas mehr in die Tiefe als Fremdwörterbücher gehen etwa Wörterbücher medizinischer, chemischer oder psychoanalytischer Fachausdrücke. Und damit sind wir im Bereich der Soziolekte – genauer: bei den Fachsprachen. Ebenfalls zu den Soziolekten zählen die Sonder- und Szenesprachen. Dabei handelt es sich um Sprachvarietäten, abzulesen vor allem an einem eigenen, terminologisch präzisen Wortschatz, die innerhalb sozial definierter (z. B. altersspezifischer) Gruppen gesprochen werden. Zweck ist, sich durch Unterscheidung von der Standardsprache nach aussen abzugrenzen, gleichzeitig ein Zusammengehörigkeitsgefühl sowie eine Identifikation zu entwickeln und besondere sprachliche Bedürfnisse abzudecken.

Greifen wir das Beispiel Jugendsprache heraus: Zunächst ist diese Varietät nicht genau definiert, es gibt nicht die eine Jugendsprache. Allerdings weist sie mitunter und vor allem in der Syntax typische Merkmale der Mündlichkeit auf, sodass Ellipsen, Wiederholungen und Satzabbrüche sehr häufig auftreten. Die Jugendsprache gilt als «Kontrasprache», die sich der Erwachsenenwelt gern widersetzt. Markant sind bestimmte Stilmittel wie Ironie, Übertreibung oder Provokation. Viele Interjektionen wie boah, man oder ey werden verwendet. Der regional sehr variierende, sich permanent wandelnde Wortschatz setzt sich zusammen aus kreativen Metaphern, bildhaften Wortneuschöpfungen sowie einem Mix aus Deutsch und Englisch: Was gestern noch cool war, ist jetzt lit. Schlagen Sie heute noch Brot anstarren, Fleischdesigner oder Hackenporsche nach, sind diese Begriffe morgen vielleicht schon wieder out.

Buchempfehlungen:

  • Langenscheidt (Hrsg.): 100 Prozent Jugendsprache 2019 – Das Buch zum Jugendwort des Jahres. Langenscheidt, München 2018
  • PONS (Hrsg.): Wörterbuch der Jugendsprache 2017 – Original & Unzensiert. PONS, Stuttgart 2016

Online-Wörterbücher:

  • Die Sprachnudel hat eine enorme Sammlung jugendsprachlicher Kreationen parat. Alphabetisch sortiert, enthalten die Einträge Beispielsätze, Bedeutungserklärungen und Synonyme, sofern vorhanden.
  • Unter www.jugendsprache.info finden Sie eine Auflistung an Begriffen und Abkürzungen der Jugendsprache mit knappen «Übersetzungen».

Fazit

Geht es um das Verstehen sowohl auf inhaltlicher als auch auf lautlicher und  zwischenmenschlicher Ebene – und damit nicht zuletzt um das Erlernen von und Vertiefen in Sprache –, geben Wörterbücher uns ein taugliches Rüstzeug an die Hand. Ob Sie in einem gedruckten Buch nachschlagen oder sich doch lieber online weiterbilden, ist letztlich eine Frage der persönlichen Vorlieben und manchmal auch des [byˈdʒeːs] (Budgets). Wobei durchaus eingeräumt werden kann, dass Online-Dienste in finanzieller Hinsicht, aus Gründen der Aktualität und besonders bezüglich der Aussprache von Wörtern einige Vorteile bieten. So oder so: Sie mehren Ihr Sprachwissen, selbst wenn Sie einfach nur in Wörterbüchern und Datenbanken stöbern. Und wenn Sie daran ebenso viel Freude haben wie wir, das jollywords Team, dann erwartet Sie mit dem dritten Teil ein spannendes Thema. Darin knöpfen wir uns speziell die Gauner- und Drogensprachen vor und werfen die Frage auf, inwieweit Wörterbücher dazu sinnvoll sind. Seien Sie gespannt!

 

Tipp: Zu unserer Reihe über die Wörterbücher liefert unser Newsletter vom Februar 2019 interessante Zusatzinformationen:

  • Schon gewusst – was «gustatorisch» bedeutet?
  • Unsere monatliche Empfehlung: Die grosse Brocklaus – Das komplett erfundene Lexikon

 

Autorin: Maria Schuhmacher


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